Wenn Mitarbeitende im Lager noch mit Papierlisten zwischen Regalen unterwegs sind, entstehen schnell unnötige Wege, Übertragungsfehler und Verzögerungen. Beim beleglosen Kommissionieren kommen die Auftragsdaten direkt aus dem Warenwirtschafts- oder Lagerverwaltungssystem auf ein mobiles Gerät, Headset oder Display. Ich zeige, wie der Prozess funktioniert, welche Technik zu welchem Lager passt und worauf es bei der Einführung wirklich ankommt.
Papierlose Aufträge machen das Lager schneller, wenn Daten und Prozesse stimmen
- Beleglos bedeutet nicht dokumentationslos, sondern digital geführt und quittiert.
- Pick-by-Scan, Pick-by-Voice und Pick-by-Light sind die wichtigsten Verfahren.
- Die Bestandsbuchung erfolgt idealerweise direkt nach der Entnahme.
- Ein Pilot von zwei bis vier Wochen zeigt, ob die Lösung im eigenen Lager trägt.
- Die größten Risiken liegen in schlechten Stammdaten, fehlender Schulung und Systemausfällen.

Was beim beleglosen Kommissionieren tatsächlich passiert
Bei der klassischen Kommissionierung erhält eine Person eine gedruckte Pickliste. Sie sucht die Lagerplätze auf, trägt Mengen ein und gibt die Informationen später manuell in ein System ein. Beim beleglosen Kommissionieren übernimmt die Software diese Führung und Rückmeldung digital.
Der Auftrag kommt meist aus dem ERP-System, also der zentralen Unternehmenssoftware, oder direkt aus einem WMS. Ein WMS ist ein Warehouse-Management-System, das Lagerplätze, Bestände, Aufträge und Bewegungen verwaltet. Das System übermittelt zum Beispiel Lagerplatz, Artikelnummer und Menge an das Endgerät der kommissionierenden Person.
- Der Auftrag wird im System freigegeben.
- Das Gerät führt zum passenden Lagerplatz.
- Artikel und Menge werden per Scan, Sprache, Lichtsignal oder Anzeige bestätigt.
- Die Entnahme wird digital quittiert.
- Bestand und Auftragsstatus werden aktualisiert.
Der entscheidende Punkt liegt in der Quittierung. Ohne diese Rückmeldung bleibt auch ein modernes System nur eine digitale Liste. Ich achte deshalb besonders darauf, dass Artikel, Lagerplatz und Menge eindeutig geprüft werden und Abweichungen nicht einfach übersprungen werden können.
Welche Verfahren für welches Lager geeignet sind
Es gibt nicht die eine perfekte Lösung. Ein kleiner Ersatzteillagerbereich braucht eine andere Technik als ein stark frequentiertes Versandlager mit tausenden Positionen pro Tag. Die Auswahl sollte sich an Artikelstruktur, Arbeitsumgebung, Auftragsvolumen und gewünschter Flexibilität orientieren.
| Verfahren | Funktionsweise | Stärken | Grenzen |
|---|---|---|---|
| Pick-by-Scan | Ein mobiles Datenerfassungsgerät scannt Lagerplatz und Artikel. | Flexibel, vergleichsweise einfach einzuführen, gut für wechselnde Sortimente. | Das Gerät muss gehalten werden. Jeder Scan kostet einen kleinen Arbeitsschritt. |
| Pick-by-Voice | Ein Headset gibt Sprachbefehle aus und nimmt Bestätigungen entgegen. | Hände und Blick bleiben frei, besonders praktisch bei vielen Greifvorgängen. | Lärm, Dialekte, Sprachtraining und Headset-Hygiene müssen berücksichtigt werden. |
| Pick-by-Light | Leuchten und Displays am Fach zeigen Entnahmeplatz und Menge. | Sehr schnell bei festen Lagerplätzen und häufig drehenden Artikeln. | Installation und Verkabelung lohnen sich vor allem in dauerhaft genutzten Zonen. |
| Pick-by-Vision | Eine Datenbrille blendet Informationen in das Sichtfeld ein. | Freie Hände und zusätzliche visuelle Hinweise, etwa bei komplexen Aufträgen. | Höhere Investition, Akzeptanzfragen und zusätzlicher Supportbedarf. |
Für viele mittelständische Lager ist Pick-by-Scan der vernünftigste Einstieg. Die Technik lässt sich oft mit überschaubarem Aufwand testen. Pick-by-Voice spielt seine Vorteile aus, wenn Mitarbeitende viele kleine Positionen greifen und gleichzeitig beide Hände benötigen. Pick-by-Light ist besonders stark in klar abgegrenzten Schnellläuferzonen.
Auch eine Kombination ist möglich. In einem Lager können etwa Standardartikel per Lichtsignal kommissioniert werden, während Sonderteile oder Seriennummernartikel über Scanner geprüft werden. Genau diese Mischung ist meiner Erfahrung nach oft sinnvoller als der Versuch, alle Bereiche mit derselben Technik zu bedienen.
So wird aus der Idee ein funktionierender Prozess
Mit einer belastbaren Ausgangsmessung beginnen
Vor der Anschaffung messe ich mindestens Fehlerquote, Picks pro Stunde, Auftragsdurchlaufzeit und Nachbuchungen. Zusätzlich lohnt sich ein Blick auf Laufwege, Suchzeiten und die Zahl der Rückfragen. Wer diese Werte nicht kennt, kann später kaum beurteilen, ob die Investition wirklich etwas verbessert hat.
Ein einfaches Beispiel macht den Nutzen greifbar. Bei 1.000 kommissionierten Positionen und einer Fehlerquote von 2 Prozent entstehen 20 fehlerhafte Positionen. Sinkt der Wert auf 1 Prozent, sind es zehn Fehler weniger. Ob sich das rechnet, hängt von Retouren, Nacharbeit, Kundenreklamationen und dem Warenwert ab.
Stammdaten und Lagerplätze bereinigen
Ein Scanner erkennt keine falsche Artikelnummer und ein Headset korrigiert keinen falsch gepflegten Lagerplatz. Deshalb müssen Artikelnummern, EAN-Codes, Mengeneinheiten und Lagerplatzkennungen vor dem Start geprüft werden. Auch Mindesthaltbarkeitsdaten, Chargen und Seriennummern gehören in den digitalen Prozess, wenn sie für die Ware relevant sind.
Die Kennzeichnung muss aus normaler Arbeitsentfernung lesbar und eindeutig sein. Verschmutzte, zu kleine oder schlecht platzierte Barcodes erzeugen im Alltag mehr Frust als Effizienz. In Kühl- und Tiefkühlbereichen kommen zusätzlich Handschuhe, Feuchtigkeit und eingeschränkte Akkulaufzeiten hinzu.
Mit einem begrenzten Pilotbereich testen
Ich würde nicht sofort das gesamte Lager umstellen. Besser ist ein Pilot in einer Zone mit regelmäßigem Auftragsvolumen und überschaubarer Artikelstruktur. Zwei bis vier Wochen sind meist ausreichend, um Kinderkrankheiten, typische Bedienfehler und reale Geschwindigkeitsgewinne sichtbar zu machen.
Während des Piloten sollte es einen klaren Notfallprozess geben. Fällt das WLAN aus oder ist ein Gerät defekt, muss der Auftrag weiterbearbeitet und später sauber nachgebucht werden können. Ein papierbasierter Fallback ist dabei kein Rückschritt, sondern eine sinnvolle Absicherung für kritische Betriebszeiten.
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Menschen und Schnittstellen einplanen
Die Technik muss mit ERP, WMS, Drucksystemen, Fördertechnik und gegebenenfalls Versandsoftware zusammenspielen. Besonders wichtig sind die digitalen Ausnahmefälle. Fehlt ein Artikel, ist die Menge abweichend oder der Lagerplatz leer, braucht die Person eine klare Auswahl und darf nicht improvisieren müssen.
Die Schulung sollte nicht nur erklären, welche Taste gedrückt wird. Mitarbeitende müssen verstehen, warum jede Entnahme bestätigt und jede Abweichung erfasst wird. Ich plane lieber kurze Übungen an echten Aufträgen ein, statt eine einmalige, theoretische Einweisung abzuhalten.
Welche Vorteile realistisch sind und wo die Grenzen liegen
Der größte Vorteil liegt in der Aktualität. Wird jede Entnahme sofort gebucht, sehen nachgelagerte Prozesse schneller, welcher Bestand verfügbar ist. Das erleichtert Nachschub, Versand und Inventur. Papierlisten müssen nicht verteilt, eingesammelt und später übertragen werden.
- Weniger Übertragungsfehler, weil handschriftliche Notizen und spätere Eingaben entfallen.
- Kürzere Suchzeiten, wenn das System sinnvoll durch die Lagerzone führt.
- Bessere Rückverfolgbarkeit durch Zeitstempel, Benutzerkennung und digitale Quittierung.
- Schnellere Bestandsinformationen für Einkauf, Versand und Kundenservice.
- Leichtere Auswertung von Leistung, Störungen und Nacharbeit.
Das Verfahren macht ein Lager jedoch nicht automatisch fehlerfrei. Falsch eingelagerte Ware, vertauschte Behälter und schlecht gepflegte Stammdaten bleiben echte Ursachen. Ein System kann einen Fehler verhindern, wenn es ihn erkennt, aber es kann keine unzuverlässige Bestandsführung durch Technik ersetzen.
Auch die Kosten werden oft zu einfach betrachtet. Neben Geräten und Lizenzen entstehen Aufwände für Schnittstellen, WLAN, Ladeinfrastruktur, Etiketten, Wartung, Schulung und Prozesspflege. Pick-by-Light kann in einer festen Schnellläuferzone sehr wirtschaftlich sein, ist aber für ständig wechselnde Lagerplätze weniger flexibel als ein mobiles Scanverfahren.
Bei sensiblen Waren kommen weitere Anforderungen hinzu. Chargen, Seriennummern, Gefahrgutmerkmale oder Verfallsdaten müssen digital erfasst werden, wenn sie für die Auslieferung und Rückverfolgung relevant sind. Papierloses Picken bedeutet außerdem nicht automatisch, dass beim Transport oder bei gesetzlichen Nachweisen keinerlei Dokumente mehr benötigt werden.
Woran sich der Erfolg im Alltag messen lässt
Eine Einführung sollte nicht mit dem Gefühl enden, dass die Bedienung moderner aussieht. Ich würde vor und nach dem Pilotbetrieb dieselben Kennzahlen vergleichen. Erst dann zeigt sich, ob die Lösung schneller arbeitet oder nur zusätzliche Technik in den Prozess bringt.
| Kennzahl | Was sie zeigt | Worauf ich achten würde |
|---|---|---|
| Fehler je 1.000 Positionen | Qualität der Kommissionierung | Auch Reklamationen und interne Korrekturen einbeziehen. |
| Picks pro Stunde | Leistung im jeweiligen Prozess | Artikelstruktur und Auftragsgröße getrennt betrachten. |
| Auftragsdurchlaufzeit | Zeit von Freigabe bis Übergabe an den Versand | Spitzenzeiten und Schichtwechsel nicht ausblenden. |
| Nachbuchungen | Störungen und Prozesslücken | Ursachen wie Fehlbestand, falsche Einheit oder Bedienfehler erfassen. |
| System- und Geräteausfälle | Technische Stabilität | Ausfallminuten und betroffene Aufträge dokumentieren. |
Ich ergänze die Zahlen immer um Rückmeldungen aus dem Team. Ein Gerät kann auf dem Papier hervorragend funktionieren und trotzdem im engen Gang, mit Handschuhen oder bei hoher Geräuschkulisse unpraktisch sein. Akzeptanz ist ein Leistungsfaktor, keine weiche Zusatzgröße.
Für eine belastbare Entscheidung reichen meist drei Fragen. Werden Fehler messbar reduziert? Sinkt die Durchlaufzeit ohne zusätzlichen Stress? Und kann das Team Ausnahmen selbstständig bearbeiten? Wenn eine dieser Antworten klar negativ ausfällt, sollte der Prozess vor einer größeren Investition nachgebessert werden.
Wann sich die Umstellung besonders lohnt
Ein papierloser Ablauf ist besonders interessant, wenn viele Aufträge mit ähnlichen Arbeitsschritten bearbeitet werden, Bestände häufig wechseln oder Fehler teuer werden. Das gilt etwa für Versandlager, Ersatzteillager, Ersatzteilversorgung, Großhandel und temperaturgeführte Bereiche.
Bei einem kleinen Lager mit wenigen Positionen pro Tag kann eine einfache mobile Scanlösung genügen. Eine aufwendige Lichtinstallation wäre dort möglicherweise überdimensioniert. Entscheidend ist nicht die modernste Technik, sondern das Verhältnis aus Auftragsvolumen, Fehlerkosten und Prozesskomplexität.
Auch die Lagerstrategie spielt eine Rolle. Bei einer chaotischen Lagerhaltung braucht das System besonders zuverlässige Platzbuchungen. Bei festen Lagerplätzen ist Pick-by-Light leichter umzusetzen. Bei stark wechselnden Sortimenten punktet dagegen ein mobiles Gerät, weil die Infrastruktur nicht an jedem einzelnen Fach installiert werden muss.
Die wichtigste Entscheidung fällt vor dem ersten Scan
Die beste Lösung beginnt nicht mit der Auswahl eines Headsets oder Displays, sondern mit einem sauberen Prozess. Wer Lagerplätze, Stammdaten, Ausnahmefälle und Kennzahlen klärt, schafft die Grundlage für echte Verbesserungen. Wer nur Papier durch Technik ersetzt, verschiebt bestehende Probleme oft in eine teurere digitale Umgebung.
Mein praktischer Rat lautet deshalb, klein zu starten, die Ergebnisse mit konkreten Zahlen zu prüfen und die Mitarbeitenden früh einzubeziehen. Eine gut integrierte Scanlösung kann bereits viel bewirken; Pick-by-Voice oder Pick-by-Light sollten dort hinzukommen, wo sie durch Arbeitsumgebung und Auftragsstruktur einen klaren Vorteil bringen.
Am Ende zählt nicht, ob ein Lager papierlos aussieht, sondern ob die richtige Ware zur richtigen Zeit in der richtigen Menge bereitsteht. Genau daran sollte sich jede Entscheidung für beleglose Prozesse messen lassen.
